Zum Künstler

Erik hinter AuftaktDie Figuren des Chemnitzer Bildhauers Erik Neukirchner, Jahrgang 1972, bezeugen ihre Herkunft aus der seelischen Regsamkeit des bezeugenden Verstandes, mit der der Künstler in der gleitenden Zeit sinnliche und geistige Intensitäten erspürt. Offen für die Vieldeutigkeit der Erfahrung tut er unbeirrt das Eigene. Hinter den Gestalten mit strengen Formen, der Herbheit der Linien, Umrisse und Oberflächen offenbart sich für den genauen Blickenden das Feuer der ursprünglichen künstlerischen und menschlichen Erregung und die Schärfe der bildnerischen Auseinandersetzung. Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet er mit schöpferischer Kraft und einem künstlerischen Wollen, das keine Spur von Routine zeigt. Alles entsteht aus unmittelbarer Konzentration. Erik Neukirchners Werk entsteht am Rande von Chemnitz, im ehemaligen Atelier der Großvaters Johann Belz, der in den 1950er Jahren in Dresden Bildhauerei studiert hatte und dessen Arbeiten im Stadtraum von Chemnitz präsent sind. Der familiäre Umgang mit dem Nachlaß des 1976 verstorbenen Künstlers ermöglichte Erik Neukirchner schon früh eine ungezwungene Wahrnehmungsbildung für plastische Kunstformen. Wenn auch rückblickend die Formensprache von Johann Belz nicht in das Werk seines Enkels eingegangen ist, ist eine von diesem Punkt ausgehende Sensibilisierung für plastisches Empfinden als äußerst wertvoll zu betrachten.

Skelet  vom AuftaktDer Künstler beginnt autodidaktisch mit Ton zu modellieren. Beraten von Künstlerfreunden seinen Großvaters, erarbeitet er sich ein erstes Formenvokabular für plastisches Gestalten. Zusammen mit mehreren Künstlern findet er 1995 öffentliche Annerkennung für eine von ihm während der Zeit seines Zivildienstes initiierte Spielplatzgestaltung für blinde Kinder. Nach weiterer Ausbildung seiner Fähigkeiten strebend, will er die Möglichkeit der Akademie für sich prüfen. Als er sich 1997 zum Studium, besser gesagt zu einem Gaststudium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden entschließt, vermögen die Gestaltungsstrategien der neu berufenen Lehrergeneration kaum, ihn zu inspirieren. Nur vom Bildhauer Helmut Heinze, der bis 1994 eine Professur inne hatte und noch gelegentlich ehemalige Studenten betreut, erfährt er einige für seine Formauffassung wertvolle Korrekturen seiner Arbeitsweise. Heinze war einer der letzten, die die formal-ästhetischen Grundlagen aus der Tradition figürlich-realistischer Plastik lehrten.

Erik Neukirchner verfügt über ein sicheres Wissen um das, was der Entwicklung der eigenen Bildsprache dient. So konzentriert er sich auf die Arbeit in der Bronzegußwerkstatt der Hochschule. Vor allem aber lernt er vom Bronzegußmeister Thomas Varga - in eigensinniger Begrenzung auf das handwerklich-technisch Erfahrbare - die Gesetzmäßigkeiten und Möglichkeiten des von ihm bevorzugten Matreials Bronze kennen. Unter Anleitung und Beratung von Thomas Varga baut er sich 2000-2001 einfallsreich den finanziellen Mangel kompensierend, eine eigene Gußwerkstatt in Chemnitz auf, in der bis heute die meisten seiner Arbeiten gegossen werden.

Zur Bronze

Profil der Figur

"2007 wurde an Erik Neukirchner eine Auftragsarbeit des Chemnitzer Johann-Kepler-Gymnasiums herangetragen, für einen verwaisten zentral im Haus gelegenen Sockel eine Werk zu gestalten. „Statt für eine traditionelle Büste entscheidet er sich für einen Knabenakt. Präzise wählt er jenen Moment, in dem der Junge sich innerlich aufrichtet, zum Schritt ansetzt und mit den leicht ausgreifenden Armen die Aufwärtsbewegung unterstützt. Es ist die Bewegung der Selbstbewußtwerdung, des Anfangs, die sich vertikal in den Raum hineindreht. Im Betrachten der Figur erlebt man das schöne Oberflächenspiel der Modellierung, das sich im wechselnden Licht verändert und die Gestalt wie von einem warmen Lebensstrom durchpulst erscheinen läßt. Im plastischen Material verbildlichen sich Momente des Fließens, Schwebens, der immateriellen Transparenz. Diese Bronzeskulptur mit dem Titel Auftakt verkörpert die Vorstellung, daß im biografischen Anfang die Möglichkeit gründet, nach den Sternen greifen zu können.“

Die Texte zum Künstler und zur Bronze entstammen folgender Quelle:

Susann Hebecker, "Expression und Verinnerlichung - Zum Schaffen Erik Neukirchner", Ausstellungskatalog "Berge und Geschöpfe - Junge Positionen des Realistischen", 2011, Städtische galerie ada Meiningen